BARBARA NIGGL Was macht ein gelungnes, treffendes Porträt in der Photographie? Präsenz und Vorausschau, das Augenglück im richtigen Augenblick, der Ort, die Zeit, Licht, Stimmung, Perspektive,   Kameratechnik - verbunden immer, verbündet mit dem Gesicht des Abgebildeten? Oft sagt man wohl, ein Bild erzählt, beschwöre oder verrate gar etwas von dem für einen Wimpern-  schlag aus Licht und Schatten geformten Menschen. Dieser innere Hang freilich zur Enthüllung, Aufdeckung, Interpretation ist den Bildern Barbara Niggls vollkommen fremd. Sie sind   nicht “verräterisch”, auch nicht komplizenhaft, nie bedeutsam, dramatisch oder im ersten Augenblick geheimnisvoll. Obschon ihres Talents bewusst, fehlt dieser Photographin alle   Prätention.   Hier kommt Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre eine junge Frau, fast ein Mädchen noch und kaum den bürgerlich behütenden Elternhaus am Starnberger See entronnen;   gerade hat sie eine private Photo-Schule in München absolviert. Doch ihre frühesten Bilder bereits druckte die “Süddeutsche Zeitung”, schnell ist sie Deutschlands jüngste Presse-  Photographin (in der Männerwelt der Lebecks, Höbecks, Höpkers, Moses), reist für die “Münchner Illustrierte” und “Scala International” nach Moskau, Paris und Jerusalem, photo-  graphierte Titelbilder der “Quick”, Gesellschaftsbilder, Reportagen für Zeitungen und Zeitschriften, natürlich auch “Twen”. Ihre Liebe aber gilt den Künstlern, den Schriftstellern, den   Malern. Sie sucht sie auf, begegnet Weltberühmten, von Hannah Arendt bis Zuckmayer, von Horkheimer bis Vedova, sucht deren Nähe zum Objektiv und hält doch immer einen von   Anmaßung wie von Ehrfurcht gleich freien Abstand. Diese Souveränität, aus Respekt und Bescheidenheit, gibt auch den Subjekten ihrer Neugier eine für den Betrachter sofort spürbare   Freiheit, Ungezwungenheit.Nichts Possenhaftes - nicht einmal, wenn der englische Schriftsteller Evelyn Waugh irgendwo im Englischen Garten sichpräsentiert wie die Figur eines   amerikanischen Gangsterfilms, mit Hut, Zigarre, schiefem Blick.   Keine Manier drängt vor als formale Attitüde in Barbara Niggls Photoportraits; jedes Bild für jeden Menschen ist anders, ist neu. Sie hat Stil, aber sie hat keinen Stil. Sie denkt nicht   nach, sagt sie. Während des Photographierens, mit der Rolleicord oder der schnellen, handlichen Leica, arbeitet sie wie in einer wachen Trance, doch alles scheint bedacht. Das verleiht   den Portraits, den Akten, den Alten- und Kinderbildern eine sonderbare Unschuld. Ein anderer Sieg über die Zeit.   Mit jedem Photo wird der Lebende, sich Bewegende, Alternde in eine überdauernde Starre gebannt. In eine künstliche Ewigkeit. Vielleicht längst verändert oder gestorben, schaut er,   schaut sie einen an wie eine Totenmaske zu Lebzeiten. Wie eine “geisterhafte Spur”. (Susan Sontag) des bereits Verblichenen, Zerfallenen. Jedes photographische Portrait ist so ein   Gegenbild zu jedem dahinwesenden Bildnis des Dorian Gray. Einerseits. Zum anderen bekräftigen Photographien lebensnäher als ein Gemälde oder die früher von einem Toten oder   den abwesenden Geliebten geschnittene Haarlocke: die Erinnerung. “Alle Erinnerung ist Gegenwart”, sagt Novalis und für Marcel Proust war der Photograph (in der “Welt der   Guermantes”) eben der Urheber jener Gedächnisbilder, in denen man die verlorene Zeit einmal wiederfinden mag. Symbolisch. Phantastisch.Tagträumend.    Peter von Becker Gesichter, Gespenster, Gedächnisbilder Zu Barbara Niggls Photo-Porträts aus den Jahren 1958 - 1962 Start / Vita / Auslandsreisen / Texte /Fotografien / Kontakte Zurück   /   Weiter Zurück   /   Weiter Weiter   / Zurück 1 / 2