BARBARA NIGGL Oder zeitreisend. In den Gesichtern und Raumbildern, die Barbara Niggl vor dreieinhalb Jahrzehnten, also einem halben Menschenalter, auf genommen hat, tritt einem die eigene   Frühzeit und Vorzeit noch einmal geisterhaft vor Augen. München, Rom, Paris, Venedig als Schauplätze oder Hintergründe. Der dreißigjährige Günter Grass mit einem Stipendium als   Bildender Künstler in Paris, dem kleinen Sohn die erste Beängstigung durch die Kamera wegerzählend, auf einem zweiten Bild, jetzt zwischen  Calvados und Gauloises, den Blick   versonnen (und zufällig) in den Kaffeesatz gerichtet, G.G., von der zweiundzwanzigjährigen Münchner Photographin nach der Lektüre seiner kleinen Gedichtsammlung “Gleisdreieck”   aufgesucht, 1958, zwei Jahre vor dem Erscheinen der “Blechtrommel” - ein Mensch noch im Vorschatten seines kommenden Weltruhms; sich dagegen der Welt, des Ruhms, des Erfolgs-  spiels schon träumerisch gewiss, wie ein hübscher Faun unter Büschen, als habe sich eine Figur  von Cocteau in den Garten bei der Schwabinger Pension Biederstein verwunschen: der   New Yorker Poet und Dandy Truman Capote. Alle Schriftsteller übrigens, Grass in der Pariser Künstlerwohnung so gut wie Heinrich Böll unterwegs in der Gegend desHofbräuhauses, wie Max Frisch, Dürrenmatt, die Granden wie Priestley in den   “Vier Jahreszeiten”, Kästner,  Andre Maurois und Zuckmayer, sie tragen (noch) immer Krawatte. und Doderer seine Fliege. Bewahren als Künstler eine erst wenige Jahre später zerbrechende bürgerliche   Facon, die Alten wie die Jungen. Nur William Saroyan aus Kalifornien, dessen Erzählung “My Name is Aram” oder der Roman “The Human Comedy” in den vierziger Jahren rund um den Globus   gelesen wurden, Saroyan bietet sich im gleichfalls längst verblichenen Münchner Literaturhotel zum “Blauen Haus” privat und zugleich geheimnisvoller dar; sein offenes Bett, der melancholisch   prüfende Blick und ein schwarzer Regenschirm an der Schranktür...  Oft sind die Blicke der Portraitierten so verwundert, halb abgewandt oder vorsichtig vertrauensvoll - als spiegelten sie, die Berühmten, selber die unaufdringlich behutsame Neugier und zugleich die   Scheu der jungen, schönen Frau hinter der Kamera. Man sieht`s wie der “Cobra”-Künstler Asgar Jorn über dem hochgeschlagenen Mantelkragen herausschaut, vor einem Kohle-berg, zu dem ihn Barbara Niggl damals. wohl 1961, nicht weit weg von der Wohnung des Galeristen Otto van de Loo im Norden Schwabings geführt hatte.     Es gab diese Kohlehalden mit Schienen und Loren noch in der Stadt; oder die von Schmauchspuren gezeichnete Ruine des Armeemuseums, vor der „N.N.“, eine dunkelhaarige Junge Dame, an die   Bilder der Frauen in Kafkas Prag erinnert; und man siehteine Staßencafeszene, in der, auf den ersten Plastik-Flechtsesseln, das Modell Veruschka von Lehndorff wie unbeobachtet an der Leopoldstraße sitzt: eine kultiviert bohemehafte Großstadtidylle, gleich, ob Zwanziger oder Fünfziger Jahre. Dieses München diese Gesichter, diese Zeit gibt es nicht mehr.  Viele der bis heute Berühmten oder jetzt zum Teil schon Entrückten oder Halbvergessenen – Priestley, Anette Kolb, James Jones, der Autor von „Verdammt in alle Ewigkeit“ -, sie kamen damals als   Gäste nach München, zu Lesungen und Symposien im Rahmen der 800-Jahr-Feiern der Stadt. Die junge Photographin ging dorthin aus eigenem Interesse, selten mit einem Auftrag, und bisweilen sind   ganz spontane Aufnahmen Entstanden, und kurzer erster Annäherung: wie die beiden Bilder der überraschten und Wunderbar ernsten, der Herrlich lachenden Hannah Arendt. Gesichter, Gespenster, manch ein monstre sacre. Portraits allemal eines gewesenen, verwandelten Lebens.  Es sind Aufnahmen, Lichtjahre entfernt noch von einer durch Werbung, Design Und eigene Photographenprominenz auftrumpfend selbstgewisse oder gefallsüchtig Eitle Star-Photographie. Barbara Niggl war um 1960 eine der in Deutschland raren, bei Der „Münchner Illustrierten“ gar die einzige Frau unter den Photojournalisten. Und sie Verstand ihre Arbeit – immer außerhalb des Ateliers (das sie, der   Schwabinger Twen, ohnehin nicht besaß) – als Dokumentation und persönliche Wahrnehmung. Nie als Inszenierung. Auch nicht als Recherche, nicht als Suche. Eher ein Auffinden von Menschen, in deren Werken, in deren Leben sie las. Nichts hineinlas, nicht willkürlich der indiskret herauslesen wollte.   Weiter Texte von:   Franz-Xaver Schegel                                 und Christoph Stölzl Weiter   / Zurück 1 / 2 Start / Vita / Auslandsreisen / Texte /Fotografien / Kontakte